Dioxine bei Brandschäden

Entstehung, Toxizität, Risiko

Seit dem Unfall am 10. Juli 1976 im italienischen Seveso ist das öffentliche Interesse für Dioxine ungebremst.
Neben Informationen zu Gesundheitsschäden wird Aufklärung zu den Vorkommen, Quellen und Belastungspfaden dieser Verbindungen gefordert. Immer häufiger wird auch die Frage der Dioxinbelastung durch Brandschäden diskutiert. Spektakulärstes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der Brand im Düsseldorfer Flughafen vom 11. April 1996.


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Struktur und Bezeichnung

Strukturelles Merkmal aller Dioxine ist ein doppelt ungesättigtes Ringsystem, das aus zwei Sauerstoff- und vier Kohlenstoffatomen besteht. Das Grundgerüst der toxikologisch relevanten Dioxine zeigt Abb. 1.


Abb. 1: Polychlorierte Dibenzodioxine

Hierbei handelt es sich um die Substanzklasse der polychlorierten Dibenzo-(p)-dioxine (PCDD). Ähnliche Verbindungen sind die in Abb. 2 gezeigten polychlorierten Dibenzofurane (PCDF). Neben den polychlorierten Dibenzo-(p)-dioxinen und -furanen sind auch bromierte und gemischthalogenierte Verbindungen von toxikologischer Bedeutung. Diese wurden in den letzten Jahren in beschränktem Umfang (z. B. bei der Herstellung und Anwendung bromierter Flammschutzmittel sowie als Verbrennungsprodukte) erkannt und systematisch untersucht.


Abb. 2: Polychlorierte Dibenzofurane

Für die Unterscheidung einzelner polyhalogenierter Dibenzo-(p)-dioxine und -furane ist neben Art und Anzahl der Halogenatome ihre Stellung im Grundgerüst von Bedeutung.
Nimmt man alle Verbindungen chlorierter, bromierter und gemischthalogenierter Dibenzo-(p)-dioxine und -furane zusammen, so ergibt sich eine Palette von über 5000 Verbindungen.

Toxizität der „Dioxine“

Toxizitätsäquivalenzfaktoren

Die einzelnen polyhalogenierten Dibenzo-(p)-dioxine bzw. -furane (PCDD/F) unterscheiden sich nicht nur in ihren chemischen und physikalischen Eigenschaften, sondern auch hinsichtlich ihrer Toxizität. Um Gemische mit unterschiedlichen Konzentrationen einzelner PCDD/F vergleichen zu können, wird das sogenannte internationale Äquivalenzsystem („Nato-Werte“ oder „I-TEF“) verwendet. Dieses System liefert sog. Toxizitätsäquivalenzfaktoren zu den bisher untersuchten PCDD/F. Diese sind auf die Toxizität des giftigsten Vertreters dieser Substanzklasse, des Seveso-Dioxins, normiert. Hierbei wird folgendermaßen vorgegangen:
Zunächst müssen die genauen Zahlenwerte der TE-Faktoren einzelner Verbindungen experimentell ermittelt werden. Hierfür können Tierexperimente, Messungen an Zellkulturen oder am isolierten Dioxin-Rezeptor herangezogen werden [1]. Der Referenzsubstanz, dem Seveso-Dioxin (2,3,7,8-TCDD), wird ein Äquivalenzfaktor von 1 zugeordnet.


Abb. 3: 2,3,7,8-TCDD (Seveso-Dioxin)

Die Toxizität von Gemischen kann nun abgeschätzt werden, indem die Konzentration einzelner Verbindungen mit ihrem zugehörigen TE-Faktor multipliziert und anschließend über alle Produkte summiert wird.
Bis heute liegen für insgesamt 17 PCDD/F Toxizitätsfaktoren vor. Es hat sich gezeigt, daß Verbindungen, die an den Positionen 2, 3, 7 oder 8 Halogenatome tragen, eine besondere Toxizität aufweisen. Bromdioxine sind etwa so toxisch wie die entsprechenden Chlorverbindungen [2].

Belastung des Menschen durch Dioxine

Grundsätzlich können Dioxine vom Menschen durch die Nahrung (oral), über die Lunge (pulmonal) oder über die Haut (perkutan) aufgenommen werden.
Bei der Belastung des Menschen durch Dioxine spielt die Aufnahme mit der Nahrung mit etwa 95 % der Gesamtaufnahme die Hauptrolle [3]. Die restlichen 5 % entfallen im wesentlichen auf die pulmonale Aufnahme. Diese kann bei Rauchern erhöht sein, da im Zigarettenrauch PCDD/PCDF vorhanden sind (gebildete Menge PCDD/PCDF je Zigarette: ca. 0,1 pg I-TEQ) [4].
Die tägliche Aufnahme an PCDD/F durch die Nahrung beträgt für die Allgemeinbevölkerung in Industrieländern etwa 1 pg I-TEQ/kg Körpergewicht [5-7]. Sie beläuft sich damit für einen Erwachsenen (70 kg) auf ca. 70 pg I-TEQ pro Tag.
Die Halbwertszeit von TCDD im Menschen wird auf 5 - 10 Jahre geschätzt [8].

Tolerierbare tägliche Aufnahme von Dioxinen, TDI-Wert

Der TDI-Wert (tolerable daily intake (duldbare tägliche Aufnahme)) für 2,3,7,8-TCDD gibt die tägliche Höchstdosis an, die auch bei lebenslanger Aufnahme ohne gesundheitlichen Einfluß bleibt [9]. Zur Bestimmung dieses Wertes wurde mit Ratten zunächst eine Grenzdosis ermittelt, die bei täglicher Verfütterung weder funktionelle Störungen, noch strukturelle Veränderungen am Versuchstier hervorruft. Die so ermittelte Konzentration in ng/kg Körpergewicht und Tag wird als NOEL-Wert (No observable effect level) bezeichnet und beträgt 1 ng TE/kg KG und Tag (KG: Körpergewicht). Unter Berücksichtigung eines Sicherheitsfaktors von 100 bzw. 1000 wird dieser Wert auf den Menschen übertragen. Hierdurch erhält man den TDI-Wert. Er beträgt 1 bis 10 pg TE/kg KG und Tag (Nach WHO (World Health Organisation) und BGA (ehem. Bundesgesundheitsamt) [10,11].

Gesundheitsschäden durch Dioxine

Akute Vergiftungen

Folgende Symptome akuter Intoxikationen durch PCDD und PCDF sind bei Menschen bekannt geworden, die hohen Dosen ausgesetzt wurden [5,10,12,13]:

Chlorakne
Leitsymptom ist eine lang anhaltende Hautschädigung, besonders an Gesicht und Oberkörper.

Stoffwechselstörungen
Durch Schädigungen der Leber steigen die Gehalte an Triglyceriden (Lipiden), Cholesterin und Transaminasen im Blut. Ferner wurden Störungen im Magen-Darm-Trakt beobachtet.

Neurologische Störungen
Typische Symptome neurologischer Störungen durch PCDD/F sind Erbrechen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, verringerte Sehschärfe, Depressionen und eine allgemeine Veränderung der Psyche.

Immunotoxische Effekte
Bei Personen, die infolge von Unfällen mit höheren Dosen von PCDD/F in Kontakt kamen, wurden Veränderungen der Schilddrüse festgestellt.

Chronische Vergiftungen

Folgende chronische Intoxikationen wurden beobachtet [14-18]:
Verschiedene Vergleichsstudien kommen unabhängig voneinander zu dem Schluß, daß bei mit 2,3,7,8-TCDD exponierten Personengruppen ein erhöhtes Auftreten verschiedener Krebsarten zu beobachten ist. Es handelt sich dabei insbesondere um Leukämie, Tumore der Atmungsorgane und der Gallenblase sowie um die sonst relativ seltenen Weichteilsarkome. Die Schlußfolgerungen dieser Studien hinsichtlich eines erhöhten Risikos für Krebserkrankungen sind jedoch in Expertenkreisen höchst umstritten, da verschiedene Aspekte, z. B. der Einfluß anderer aufgenommener Chemikalien und des Rauchens, nicht berücksichtigt wurden.

Bildung von Dioxinen bei Verbrennungsvorgängen

Dioxine entstehen spurenweise bei Verbrennungsvorgängen aus Kohlenstoffverbindungen und organisch oder anorganisch gebundenen Halogenen, es ist daher anzunehmen, daß sie schon immer in geringen Spuren in der Umwelt vorhanden waren (Waldbrände, Brandrodung, Vulkane etc.) [19].
Ähnlich wie die polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), sind Dioxine kinetisch inerte Zwischenprodukte der Oxidation organischer Verbindungen zu den thermodynamisch stabilen Endprodukten Kohlendioxid, Wasser und Chlorwasserstoff.
Die genauen Bildungsmechanismen bei Verbrennungsprozessen sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Eine Reihe von Bildungsmechanismen wird diskutiert [20].
Neben Chlorphenolderivaten gehören polychlorierte Biphenyle zu den bekanntesten Precursoren bzw. Dioxin-Vorstufen.
Polychlorierte Biphenyle (PCB) wurden seit den 50er Jahren in großen Mengen als Dielektrikum in Transformatoren und Kondensatoren verwendet. Bei einigen Unglücksfällen, wo große Mengen PCB-haltiger Transformatorflüssigkeiten bei Gebäudebränden beteiligt waren, wurden Rückstände an PCDD/F im Brandruß bis im oberen mg/kg Bereich gemessen [21-22]. Aufwendige Dekontaminations- und Sanierungsmaßnahmen waren die Folge. Die Verwendung von PCB - auch in Transformatoren - ist nicht zuletzt aufgrund dieser Unglücksfälle seit einiger Zeit in den meisten westlichen Ländern verboten.

Kontaminationen durch Brände

Allgemeines

Von der Vielzahl der beim Brand entstehenden Schadstoffe gehören während des Brandes Kohlenmonoxid, Salzsäure und Blausäure zu den gefährlichsten Giften. Auf der erkalteten Brandstelle hingegen stehen neben dem allgegenwärtigen Ruß, welcher für sich genommen bereits ein Gesundheitsrisiko birgt, besonders die Polycyclischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), Polychlorierte Biphenyle (PCB) und auch Dioxine im Vordergrund. Der Länderausschuß für Immissionsschutz (LAI) hat zur Gefährlichkeit krebserzeugender Schadstoffe in der Außenluft festgestellt, daß Dioxinen im Vergleich zu den PAK medizinisch nur eine extrem geringe Bedeutung zukommt [23]. Wendet man das dort zugrunde gelegte Konzept auf die bei Bränden emittierten Brandgase und Brandrückstände an, so „muß das kanzerogene Risiko durch PAK in Brandrückständen und Brandgasen weitaus höher als durch Dioxine eingeschätzt werden“ [24].
Halogenierte Dibenzo-(p)-dioxine und -furane sowie andere im Brandfall gebildete organische Schadstoffe werden von Ruß adsorbiert und im Verlauf der vollständigen Ablagerung von Ruß und Rauchgasen dort eingebettet. Die Rauchgaskondensate sind relativ fest mit dem Untergrund verbunden. Dadurch wird die Mobilität dieser Verbindungen nach dem Abkühlen der Rauchgase stark herabgesetzt.
Desweiteren sind die PCDD/F bereits aufgrund der relativ hohen Schmelz- und Siedepunkte als schwerflüchtig anzusehen und auf der erkalteten Brandstelle von geringer Mobilität.

Brände von Wohnungen, Schulen, Büros etc.

Die nach Bränden im Ruß bislang festgestellten Gehalte an PCDD/F liegen, ausgedrückt in Toxizitätsäquivalenten (TE), bei Wohnungs-, Schul-, Büro-, Laden- und Werkstattbränden unter 200 ng TE/m2 [25]. Brandfälle, an denen wesentlich größere Mengen chlororganischer Stoffe beteiligt waren, zeigten in unmittelbarer Nähe des Brandherdes Gehalte bis zu einigen tausend ng TE/m2 [24].

Das Gefährdungspotential, das durch die Entstehung von PCDD/F bei Bränden halogenierter Kunststoffe, insbesondere von Polyvinylchlorid (PVC), ausgeht, wurde in den letzten Jahren kontrovers diskutiert. PVC-haltige Materialien sind aufgrund der Tatsache, daß beim Brand halogenierte Molekülfragmente entstehen, als mögliche Dioxinquellen aufzufassen [26]. Selbst spektakuläre PVC-Großbrände haben jedoch gezeigt, daß eine ernsthafte Gefährdung der Bevölkerung durch Dioixine zu keiner Zeit gegeben war [27].

Risikoabschätzung der Dioxinbelastung bei Brandschäden

Da die Bioverfügbarkeit der Ruß adsorbierten PCDD/F gering ist, kann das Risiko einer Aufnahme durch die Haut als äußerst klein angesehen werden.
Die Aufnahme durch Resorption verschluckter Rußpartikel (Hand zu Mund Kontakt) dürfte ebenfalls relativ gering sein. Jedoch könnte leicht aufwirbelbarer Flockenruß neben einer erhöhten inhalativen Aufnahme auch zu einer geringfügig erhöhten oralen Aufnahme führen.
Grundsätzlich ist dem Risiko der Dioxin-Aufnahme durch Inhalation von Ruß oder Staub bei und nach Brandschäden die größte Bedeutung beizumessen.
Eine Feuerwehrstudie aus Nordrhein-Westfalen belegt, daß keiner dieser Belastungspfade zu einer erhöhten Dioxin-Belastung bei dieser Risikogruppe führt. Zwar zählen Feuerwehrleute zu der bei Bränden am stärksten exponierten Gruppe, jedoch ist ihre PCDD/F-Blutbelastung gegenüber Vergleichsgruppen nicht signifikant verändert [28].
Das ehemalige Bundesgesundheitsamt BGA und jetzige Umweltbundesamt UBA hat gemeinsam mit der Bund/Länder-Arbeitsgruppe DIOXINE Empfehlungen zur Minimierung der Exposition mit PCDD/F ausgesprochen [4]. Demzufolge wird nach Bränden ein sogenannter Innenraum-Schwellenwert von 10 ng TE/m2 festgelegt. Im Staatsanzeiger für das Land Hessen ist für Dioxine und Furane bei Brandschäden ebenfalls dieser Richtwert zugrundegelegt worden [29]. Er gilt dort als Eingriffschwelle für Sanierungsmaßnahmen in Räumen, die dem ständigen Aufenthalt von Menschen dienen. In zahlreichen westeuropäischen Ländern bzw. in den Vereinigten Staaten wird nach Dioxinunfällen ebenfalls dieser Richtwert angewendet. In Arbeits- und Produktionsräumen wird vom VdS ein Sanierungsziel von 50 ng TE PXDD/F /m2 (X= Cl, Br) vorgegeben, in Räumen für gelegentlichen Aufenthalt gelten 100 ng TE PXDD/F /m2 als Sanierungsziel [9]. Unter Berücksichtigung der beim Brand ablaufenden Prozesse lassen sich für das auf Brandstellen tätige Personal verschiedene Gefährdungsbereiche definieren.
Hieraus lassen sich unterschiedliche Personenschutz- und Sanierungsmaßnahmen ableiten [9]:

Gefährdungsbereich 0
Hierbei handelt es sich um Brände, bei denen nur relativ kleine Mengen verbrannt sind, z. B. Papierkorbbrand, Kochstellenbrand oder Brände mit räumlich eng begrenzter Ausdehnung. Reinigungsarbeiten können hier haushaltsüblich vorgenommen werden.

Gefährdungsbereich 1
Zu nennen sind hier ausgedehnte Brände im Wohnbereich, z. B. Küchen-, Zimmer-, Wohnungs-, Keller-, und Dachraumbrände; Brände in Büros, öffentlichen Gebäuden, Schulen, Praxen, Läden, Gaststätten, Werkstätten sowie alle sonstigen Brände, bei denen keine größeren Mengen an chlor- oder bromorganischen Stoffen, insbesondere PVC (z. B. Ansammlung von Elektrokabeln), beteiligt waren oder bei denen aufgrund des Brandbildes keine nennenswerte Schadstoffkontamination auf der Brandstelle zu erwarten ist. Die Reinigungs- und Sanierungstätigkeiten können unter Einhaltung verschiedener Schutzmaßnahmen von Fachfirmen, aber auch vom Brandgeschädigten selbst, vorgenommen werden. Selbst bei nicht ganz fachgerechter Anwendung der Schutzmaßnahmen durch vom Brand betroffene Laien ist eine Gesundheitsgefährdung wegen der relativ kurzen Verweildauer unwahrscheinlich.

Gefährdungsbereich 2
Hier werden Brände eingeordnet, bei denen größere Mengen chlor- oder bromorganische Stoffe beteiligt waren und bei denen aufgrund des Brandbildes eine nennenswerte Schadstoffbelastung auf der Brandstelle wahrscheinlich ist. Arbeiten im Gefährdungsbereich 2 müssen spezielle Sanierungsfirmen durchführen, da nur diese im Umgang mit Schadstoffen vertraut sind und über die notwendigen Fachkenntnisse und Geräte verfügen.

Gefährdungsbereich 3
Zu dieser Gruppe zählen Brände im gewerblichen und industriellen Bereich mit Beteiligung von größeren Mengen kritischer Stoffe.
Dazu zählen Polychlorierte Biphenyle oder Pentachlorphenol (soweit größere Gebinde betroffen sind) sowie Pflanzen- und Vorratsschutzmittel in großen Mengen. Für Arbeiten in diesem Gefährdungsbereich müssen umfangreiche Maßnahmen getroffen werden, die eine Gefährdung des (geschulten) Sanierungspersonals verhindern.

Literatur